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Hamburg im 20. Jahrhundert (2) - 06 - Gesellschaftskritik und alternative Politik

Das Wirtschaftswunder, die Konsumwelle und die Westbindung wurden in Hamburg wie anderswo nicht vorbehaltlos befürwortet. Heftige Kritik löste 1958 der Beschluss des Deutschen Bundestages aus, die neu gegründete Bundeswehr mit Atomwaffen auszurüsten. Auf dem Rathausmarkt versammelten sich 100.000 Menschen, um mit Bürgermeister Brauer dagegen zu demonstrieren. Seit 1960 wurde auf den Ostermärschen jährlich erneut gegen die Atombewaffnung protestiert. Zweifel an der Politik der Herrschenden nährte auch die Spiegel-Affäre 1962, bei der die Redaktionsräume von der Polizei besetzt und Redakteure wegen angeblichen Geheimnisverrats verhaftet wurden.

Die Kritik am Staat erreichte im Juni 1967 einen Höhepunkt mit Demonstrationen gegen das autoritäre Regime des Schahs von Persien, der als einer der vielen Staatsgäste Hamburg besuchte. An der Universität formierte sich mit dem Ruf nach gesellschaftlichen Reformen die Außerparlamentarische Opposition (APO). Bei der Rektoratsübergabe kam es am 9. November 1967 zu der spektakulären Enthüllung des Transparents "Unter den Talaren - Muff von 1000 Jahren". Heftige Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und der Polizei gab es im April 1968 vor dem Haus des Springer-Verlages, dessen Zeitungen eine Mitschuld am Anschlag auf den Studentenführer Rudi Dutschke gegeben wurde.

Bei den etablierten Hamburger Parteien und im Senat, den bis auf die Jahre eines konservativen Bürgerblocks (1953-1957) seit 1946 die SPD stellte, wurde die Kritik an den herrschenden politischen Zuständen unterschiedlich bewertet. Als 1971 bundesweit gegen politisch Rechte und besonders Linke im öffentlichen Dienst als Berufsverbot der "Radikalenerlass" erlassen wurde, war Hamburg das erste Bundesland, das dieses Gesetz umsetzte.

Aus der linken Studenten- und kritischen Umweltbewegung formten sich in den 1970er Jahren politische Gruppen, die sich als "Bunte Liste - wehrt euch" und Grüne Liste Umweltschutz" 1978 an Bürgerschaftswahlen beteiligten und erfolgreich in die Bezirksversammlung Eimsbüttel einzogen. Die 1982 gegründete Grün-Alternative Liste konnte 1982 erstmals in die Bürgerschaft einziehen, war damals aber von heftigen inneren Differenzen zwischen Umweltaktivisten, Sozialisten und sogenannten Realos gekennzeichnet, deren Ziele das Spektrum alternativer Zukunftsprogramme für Hamburg verdeutlichten.


Hamburg im 20. Jahrhundert (2)
- Hungerwinter, Flüchtlingselend, Schwarzmarkthandel
- Von der besetzten Stadt zum Bundesland
- Die moderne Metropole
- Im Rausch der Konsumgesellschaft
- Auf und ab im Wirtschaftswunder
- Gesellschaftskritik und alternative Politik
- An die Grenzen des Wachstums
- Kulturstadt Hamburg
- Am Ende des Millenniums

Hamburg im 20. Jahrhundert (1)